
Magdalena
Eine Sterbeamme wird gerufen
Es ist noch früh am Morgen, mein Handy klingelt: "Hallo Theresa, meine Mama ist gestorben. Was müssen wir jetzt tun?"
Ich cancel all meine Termine für die kommenden Stunden, knipse eine prächtige Blüte vom Birnbaum, nehme eine Feder aus meiner Sammlung und gehe sofort los.
Im Hof stehen noch die Sanis. Gemeinsam warten wir, bis auch die Notärztin fertig ist. Als alle weg waren, standen wir erstmal da.
Die Uhr schlägt acht, Menschen bei der Arbeit, Kinder in der Schule - nur hier steht die Zeit still…
Zweifel steigen auf, die Mama Tod auf dem Sofa liegen sehen zu wollen.? Und wie sagen wir es den Kindern, wenn sie von der Schule kommen und die Oma wartet nicht am Fenster, wie sie es doch jeden Tag macht, um dann die Tür zu öffnen und ihre Enkelkinder zur Begrüßung in die Arme zu nehmen.
Ich biete an, nach Magdalena zu schauen, während sie die Zeit weiterhin stillstehen lassen.
Wir haben Zeit. So viel Zeit, wie es braucht.
Die Schwiegertochter bringt mir frische Kleidung, Waschsachen und Magdalenas Kuscheldecke. Ich gehe zu ihr ins Wohnzimmer und lasse mir Zeit, denn die Zeit steht ja still.
Als ich fertig bin, liegt sie da.
Friedlich auf ihrem Sofa, zugedeckt mit ihrer Sternendecke, auf dem Bauch die Blüte und Feder. Eine Kerze brennt auf dem Tisch, daneben ein kleines, fast schon antikes Wörterübersetzungsbuch und ihr alter Wecker - der steht still.
Inzwischen ist klar, die Söhne und Schwiegertöchter möchten sich verabschieden. Auch wollen sie es den Kindern offenlassen. (Ja, wir dürfen unseren Kindern und Jugendlichen Vertrauen, dass sie spüren, ob sie sich am Toten Körper eines geliebten Menschen verabschieden wollen.) Die Enkelkinder wollten sich verabschieden, incl. ein Kuscheltier als Beigabe für die Oma.
Ich lass die Familie für ein paar Stunden allein und regle in der Zwischenzeit die ersten Schritte mit der Bestatterin. Am Mittag wird Magdalena abgeholt und wir sind alle bei ihr.
Die zwei so achtsamen Herren vom Bestattungsunternehmen verabschieden sich und fahren mit Magdalena vom Hof.
Wir winken und irgendjemand sagt:
"Jetzt ist sie ausgezogen."
Und wieder steht die Zeit still.
